Praxiswissen

ss, vz, unz: Was die Kürzel auf einer Münze wirklich bedeuten

In fast jedem meiner Ricardo-Titel stehen zwei oder drei Buchstaben: ss, vz, unz. Für Sammler ist das Alltagssprache. Für jemanden, der eine geerbte Schachtel Münzen auf dem Küchentisch stehen hat, sind es Kürzel ohne Bedeutung — dabei entscheiden gerade sie oft darüber, ob ein Stück ein bescheidener Posten ist oder ein Vielfaches davon wert. Hier erkläre ich, was dahintersteckt, und gebe den einen Rat, der mehr Sammlungen gerettet hätte als jeder andere.

Daniel Zenhäusern9 Min. Lesezeit

Warum überhaupt Kürzel — und warum es dafür keine amtliche Norm gibt

Zwei Münzen desselben Jahrgangs, derselben Prägestätte, desselben Metalls können im Wert weit auseinanderliegen. Der Unterschied ist die Erhaltung: wie viel vom ursprünglichen Münzbild noch da ist. Weil man das nicht in jedem Angebotstitel ausformulieren kann, hat sich im Handel eine Kurzschrift eingebürgert. Genau die lesen Sie bei mir.

Vorab eine Ehrlichkeit, die man selten geschrieben findet: Diese Skala ist keine amtliche Norm. Ich habe keine Vorschrift des Bundes und keine Definition der Nationalbank gefunden, die festlegen würde, wo «sehr schön» aufhört und «vorzüglich» beginnt. Swissmint, die Eidgenössische Münzstätte, definiert öffentlich Prägequalitäten — aber keine Erhaltungsgrade-Skala.

Und selbst bei den Prägequalitäten wird es uneinheitlich: Swissmint prägt Sammlermünzen in gehobenen Qualitäten, verwendet die Begriffe aber je nach Produkt unterschiedlich. Gedenkmünzen erscheinen in «polierte Platte» und «unzirkuliert», die Jahres-Kursmünzensätze dagegen in «Polierte Platte» und «Stempelglanz». Wenn schon die offizielle Schweizer Münzstätte unz und stgl nicht deckungsgleich einsetzt, sollte niemand behaupten, die Begriffe seien überall dasselbe. Die Buchstaben ss, vz und stgl sind gewachsene Handelsusanz, nichts weiter.

Dazu kommt ein zweiter Punkt, den ich lieber selbst sage, als dass ihn jemand hinter meinem Rücken denkt: Die Einstufung enthält laut Wikipedia «immer eine subjektive Komponente», weil sie «nicht gemessen werden kann, sondern ‹von Auge› geschätzt werden muss». Gleichzeitig hat sie einen «starken Einfluss auf den Sammlerwert einer Münze». Erhaltung ist also Erfahrungssache — und trotzdem preisbestimmend. Wer damit ehrlich umgeht, sagt Ihnen das vorher.

Die Skala von unten nach oben: von ge bis vz

Das deutsche System, das auch im Schweizer Handel gebräuchlich ist, beginnt weit unten. «ge» steht für «gering erhalten» — praktisch das gesamte Münzbild ist verloren. Darüber liegt «g» für «gut»: Details sind keine mehr sichtbar, bloss noch die Konturen. Dann «sg» für «sehr gut»: trotz starker Abnutzung sind noch einige wenige Details erkennbar. Danach «s» für «schön», wo ein Teil der Details verschwunden ist.

Diese Stufen begegnen Ihnen bei mir selten — und das hat einen Grund, den Wikipedia offen ausspricht: Unterhalb von «schön» werden Münzen nur noch selten gesammelt und deshalb auch nicht mehr sorgfältig unterschieden. Numismatisch wertlos sind solche Stücke nicht. Ein Sammelgebiet sind sie in aller Regel aber auch nicht.

«ss» heisst «sehr schön». Das ist kein Mindeststandard und kein Gütesiegel, sondern schlicht die Stufe, ab der die meisten Sammler zugreifen. Wikipedia beschreibt sie so: «Bei diesen Münzen sind die Umlaufspuren deutlich erkennbar. Die feineren Details sind teilweise abgenutzt.» Im Schweizer Handel halte ich es gleich: Alle Konturen der Münze sind noch sichtbar, Abnützungsspuren aber deutlich zu erkennen. Eine ss-Münze war im Portemonnaie. Man sieht ihr das an — und das ist völlig in Ordnung.

«vz» steht für «vorzüglich». Solche Münzen «waren nur kurz im Umlauf. Der Prägeglanz ist nur noch in vertieften Stellen vorhanden.» Entscheidend ist der Zusatz, auf den ich bei jedem Stück zuerst schaue: Die Reliefpartien dürfen keine Abnützungsspuren aufweisen. Das ist der Punkt, an dem viele Laien danebengreifen. Nicht die Fläche zählt zuerst, sondern die höchsten Stellen des Reliefs — Wange, Haarschopf, Schulter. Dort reibt sich eine Münze zuerst ab.

Weil die Realität zwischen den Stufen liegt, notiert der Handel Zwischenstufen: «–ss» heisst «fast sehr schön», «ss+» heisst «etwas besser als sehr schön», «ss-vz» heisst «sehr schön bis vorzüglich». Wenn Sie also in einem Titel «ss-vz» lesen, ist das kein Zaudern, sondern Präzision.

Praxistipp: Halten Sie eine Münze schräg unter eine Lampe und kippen Sie sie langsam. Der Prägeglanz zeigt sich im Streiflicht — und wo er auf den höchsten Reliefstellen fehlt, war die Münze im Umlauf.

stgl, unz und PP — die drei, die am häufigsten verwechselt werden

Hier wird es interessant, denn hier steckt das grösste Missverständnis. «stgl» oder «st» bedeutet «Stempelglanz»: eine Münze «ohne mit blossem Auge sichtbaren Fehler». Wikipedia hängt daran einen Satz, den man ernst nehmen sollte: «In der Praxis gibt es fast keine Münzen, die diesen Erhaltungszustand tatsächlich aufweisen.» Im Schweizer Sprachgebrauch ist Stempelglanz noch enger gefasst: prägefrisch, nie im Umlauf und ohne Spuren der Massenbehandlung.

«unz» heisst dagegen nur «unzirkuliert». Und das ist etwas anderes. Es sind «Münzen aus meist vollautomatischer Produktion, die noch nie im Umlauf waren. Aufgrund des Produktionsprozesses können die Münzen eine Vielzahl von Fehlern aufweisen.» Auch unzirkulierte Münzen waren also nie im Umlauf — sie zeigen aber kleinste Spuren aus der Massenbehandlung.

Das ist der Aha-Punkt dieses Artikels: unz ist nicht stgl. unz sagt aus, wo die Münze war — nämlich nie im Verkehr. Es sagt nicht aus, dass sie fehlerfrei ist. Kleine Kratzer, Sackspuren aus der Abfüllung, Randfehler: alles möglich, alles noch «unzirkuliert». Ich sage das deshalb so deutlich, weil manche Anbieter unz und Stempelglanz praktisch synonym verwenden. Wenn Sie bei einem Angebot — bei mir oder anderswo — unsicher sind, wie das Kürzel gemeint ist: fragen Sie nach. Ein Verkäufer, der sein Handwerk versteht, beantwortet das gerne.

«PP» schliesslich ist streng genommen gar kein Erhaltungsgrad, sondern ein Herstellungsverfahren: «Polierte Platte». Diese Münzen «werden aus polierten Ronden mit speziell polierten Stempeln mehrfach und oft mit höherem Druck geprägt». Swissmint beschreibt den Ablauf im Detail: Während Stempelglanz-Münzen im reduzierten Durchlauf geprägt und die Rondellen «ohne weitere Vorbereitung verprägt» werden, entsteht Polierte Platte «einzeln im Doppelschlag» — die Münzplättchen durchlaufen vorher «das Glühen, Beizen, Polieren, Waschen und fleckenfreie Trocknen», und die Prägestempel werden ebenfalls poliert. Daraus entsteht der typische Kontrast: spiegelnder Grund, mattes Relief.

Wie eigenständig das ist, sieht man an Wikipedia selbst: Dort steht PP bewusst in einer eigenen Tabelle der Herstellungsverfahren — getrennt von den Erhaltungsgraden. Das hat handfeste Folgen. Eine PP-Münze mit Griffspuren heisst im Handel «vz aus PP» oder «PP berührt» und ist dann oft weniger wert als eine gewöhnliche unz-Münze. Eine PP fasst man nicht an, Punkt. Bei Swissmint werden Gold- und Platinmünzen übrigens nur in polierter Platte angeboten.

Warum ein einziger Grad den Preis stark verändert

Erhaltung ist kein Schönheitswettbewerb, sie ist Angebot und Nachfrage. Von einem Jahrgang wurden vielleicht viele Stücke geprägt — aber wie viele haben es ungetragen bis heute geschafft? Fast alle gingen ins Portemonnaie. Deshalb wird die Luft nach oben sehr schnell sehr dünn, und deshalb springt der Preis nicht linear, sondern stufenweise.

Grössenordnungen gebe ich aus eigener Erfahrung weiter, nicht als Preisliste: Bei begehrten Münzen sehe ich zwischen ss und vz regelmässig das Doppelte bis Dreifache. Gleiche Münze, gleicher Jahrgang — der Unterschied liegt allein in der Erhaltung.

Wenn Sie den Wert alter Schweizer Münzen einschätzen wollen, ist die Erhaltung deshalb fast immer die erste Frage — noch vor dem Jahrgang. International arbeitet man mit der Sheldon-Skala von 1 bis 70, wie sie etwa NGC verwendet: MS (Mint State) 60 bis 70 für prägefrische Münzen, darunter AU 50–58 mit geringer Abnutzung, XF 40–45, VF 20–35.

Der wichtigste Rat überhaupt: Münzen niemals putzen

Wenn Sie aus diesem Text nur einen Satz mitnehmen, dann diesen. Münzen reinigen ist der häufigste, teuerste und unumkehrbarste Fehler, den man mit einer geerbten Sammlung machen kann. Die Absicht ist immer die beste: Man will das Stück «schön herrichten», bevor man es zeigt. Das Ergebnis ist regelmässig ein massiver, dauerhafter Wertverlust.

Beim Reinigen wird die Oberfläche oft nur beschädigt oder sogar komplett zerstört. Schmutz, Flecken oder Patina verleihen einem Sammelobjekt Individualität und unterstreichen seine Authentizität — die Patina wirkt zugleich als natürliche Konservierung. Sie ist also nicht nur Optik, sie ist Schutzschicht.

Aufpolierte Münzen entwickeln sogenannten «Katzenglanz» und gelten als «gereinigt» oder «berieben» — das wirkt sich stark wertmindernd aus. Der Fachmann erkennt es an feinen Haarlinien, die bei der Bewertung negativ berücksichtigt werden.

Es gibt harte und weiche Metalle. Das Reinigen von Münzen aus Kupfer oder Reinnickel ist weniger problematisch als das Reinigen von weichen Silbermünzen. Werden Silbermünzen oder Silbermedaillen stark gereinigt, entstehen rasch kleine Kratzer. Auf den ersten Blick fallen sie einem Laien nicht auf — die Münze glänzt und wirkt schön —, doch der Fachmann entdeckt sie mit der Lupe sofort.

Was viele unterschätzen: Patina ist ein Wertfaktor nach oben, nicht nach unten. Eine auf natürlichem Weg entstandene Patina kann den Sammlerwert einer Münze steigern. Das zeigen Auktionen, an denen Sammler für ein Stück mit prächtiger Patina ein Vielfaches des eigentlichen Katalogwertes zahlten — das sehe ich regelmässig.

Ich formuliere es für meine Kunden so: Sie haben nichts zu gewinnen und alles zu verlieren. Eine ungeputzte Münze kann ich einschätzen. Eine geputzte Münze ist ein Stück mit Geschichte — und einer Narbe, die nie wieder weggeht.

Merksatz: Patina ist kein Schmutz, Patina ist Wert. Eine Münze, die 150 Jahre überlebt hat, braucht keine Politur — sie braucht nur eine ruhige Schublade.

Münzen richtig aufbewahren — der Rest ist Geduld

Wer Münzen aufbewahren will, muss nicht viel tun. Er muss vor allem das Falsche unterlassen. Als Lagerort ideal ist ein Zimmer ohne grössere Temperaturschwankungen und ohne hohe Luftfeuchtigkeit. Münzkapseln mit Schubern sind die beste Lösung — sie bieten den besten Einzelschutz vor Berührung und atmosphärischen Einflüssen. Keine gute Lösung ist es, Münzen in engen Plastikhüllen in Münzalben aufzubewahren. Die Münze braucht Raum und Luft und kann so mit der Zeit eine natürliche Patina entwickeln. Wird sie in einer engen Plastikhülle aus billigem PVC aufbewahrt, kann sie durch Feuchtigkeit oxidieren, und es kann sich sogar Rost bilden. Vor allem in den Siebziger- und Achtzigerjahren wurden Alben aus billigem PVC verwendet; die damals verwendeten Weichmacher griffen mit der Zeit die meisten Münzmetalle an. Die heute verkauften Alben vom Fachhändler sind materialseitig deutlich besser. Wer sichergehen will, kauft neues Aufbewahrungsmaterial statt gebrauchter alter Alben — wer hier spart, spart am falschen Ort.

Und noch etwas: Originalschachteln nicht auflösen. Etui, Zertifikat und Verpackung gehören zum Stück. Vor allem bei alten und wertvollen Schützenmedaillen kann ein gut erhaltenes Originaletui allein über CHF 100.– wert sein — das sehe ich regelmässig.

Zum Schluss

Die Kürzel sind kein Fachchinesisch zum Abschrecken — sie sind der Versuch, in zwei Buchstaben ehrlich zu sagen, was ein Stück ist. ss, vz, unz: Wer sie liest, liest die halbe Preisgeschichte mit. Und wer weiss, dass Patina Wert ist und ein Putzlappen ihn vernichtet, hat den grössten Fehler bereits vermieden. Ich sammle Schweizer Münzen, seit ich zehn Jahre alt bin, und verkaufe seit 2004 auf Ricardo unter dem Konto Zenhad69. Wenn Sie eine Sammlung oder einen Nachlass geerbt haben und nicht wissen, was Sie da vor sich haben: Lassen Sie die Stücke, wie sie sind, und melden Sie sich. Ich schaue sie mir an und sage Ihnen ehrlich, was dabei ist und was nicht — ohne Eile und ohne Verpflichtung.

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Daniel ZenhäusernNumismatiker · Kirchberg SG